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Ich habe nichts anzuziehen! Klingt ganz fürchterlich dramatisch, ich weiß, andere Frauen sagen das mit Sicherheit drei Mal am Tag, aber es stimmt. Ich habe nichts anzuziehen. Und zwar für den Wir-feiern-unseren-Hochzeitstag-nach-Tag. Domesday. Ohne Baby. Ich HABE NICHTS ANZUZIEHEN! Nichts Schickes jedenfalls.
Klar, einen Kartoffelsack könnte ich jederzeit auftreiben, aber was nettes? Was gut aussieht an meiner komischen knolligen Birnenfigur mit dem Sauerkrautstampferbeinen? Entweder ist es zu eng oder, naja, ich habe nichts zum Weggehen. Schuhe? Ja. Hose? Ja. Rock? Nein. Kleid? Nein. Oberteil? Nein. Also habe ich heute gedacht, daß man vielleicht mal gucken könnte in den Läden hier. Ich war ja sowieso unterwegs, um die Stromrechnung zu zahlen. Nicht, daß nach dieser abartigen Rechnung noch viel übrig geblieben wäre, aber versuchen kann man es ja mal.
Der Ben-Faktor hat mir da einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ich bin durch drei Läden, habe drei Sachen in einem davon anprobiert, die weder zu billig, noch zu lässig aussahen und auch nicht zu sehr den gesetzten Budgetrahmen gesprengt hätten. Aber der Ben-Faktor, der war auch noch da.
Der Ben fand die Läden schon blöd. Gut, ich auch. Ich habe mich da äußerst unwohl gefühlt. Wer dieses Ich-bin-fehl-am-Platze-und-die-Verkäuferinentussi-verachtet-mich-Gefühl auch mal haben möchte, dem empfehle ich ein verrotztes Kind. Neben den 15-20 Kilo Übergewicht und dem verwaschenen T-Shirt wegen – verrotztem Kind. Es gibt nichts, was einem den sicheren, lässigen Auftritt in einer Möchtegernschickiboutique so sehr verdirbt wie Rotzflecken auf dem T-Shirt. Ich trete ein, die Verkäuferin guckt mich an. Blasiert. Von oben bis unten. Ein kaum merkbares Nasegekräusel, als sie die fetten Rotzflecken sieht. Ich hätte gerne mein tragbares Mauseloch dabei. Ich grinse gequält zurück und werfe mich in die Regale.
Drei Fummel habe ich gefunden. Die Verkäuferinnentussi kommt noch mit einem unsagbar scheußlichen pinkfarbenen Dingsda dazu, das mir in den Augen weh tut und das die deshalb behalten kann. Ich ziehe mich eine dieser unsagbar engen Umkleidekabinen zurück – wieso sehen Umkleiden eigentlich immer so aus, als würden sie in einer Turnhalle stehen? – und ziehe mein T-Shirt aus. Ben wird unruhig. Ich ziehe den ersten Fummel an. Ich gucke in den Spiegel, finde es übel. Ben auch. Er wird sehr unruhig, guckt auf mein ausgezogenes T-Shirt, das zusammengeknüllt in der Ecke herumliegt und befiehlt mir: Au-tiehn! Au-tiehn! Da! Hause!
Ich ziehe Fummel Nummero eins aus, Ben guckt erleichtert. Zu seiner Bestürzung ziehe ich Fummel Nummero zwei an. Au-tiehn! Au-tiehn! Da! Hause! Klingt noch gequälter als beim ersten Mal. Fummel Nummero zwei wird vom Körper entfernt, Fummel Nummero drei kommt zum Einsatz. Ben guckt mich an, als hätte ich den Verstand verloren: NAAIN! Au-tiehn!DA! Hause! NAIN! Er heult schon fast. Also gebe ich mich geschlagen. Schließlich hat Shoppen gehen ja auch was mit Genuß zu tun. Ich genieße aber nicht, sondern werde ganz furchtbar nervös und hibbelig und hektisch und fange an, diesen Laden, der mir nichts getan hat, zu hassen. Nur noch raus da!
Naja, ich habe zwar immer noch nichts anzuziehen, aber eine Menge gespart, denn den Portemon….Geldbörseninhalt hätte ich für Fummel Nummero drei ausgegeben.
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Oh, schade, Artikel weg, den ich gerade angefangen habe. Also noch mal von vorne…
Ben ist zur Zeit ein wenig efeuartig drauf: er kann nichts alleine machen. Selbstbeschäftigung? Alleine Spielen? Alleine Buch gucken? Ein utopischer Traum. Nicht mal für fünf Minuten geht das. Morgens fängt es an, um gegen sieben, wenn Ben wach wird. Da wird erst mal über meinen Kopf geklettert, das Guten-Morgen-Schmatzerchen gegeben, 30 Mal Mama geseufzt und In-die-Küche-geschickt, damit der Papa den Kakaua machen kann. Ist der Kakao fertig, ist die Schonfrist vorüber und es geht los.
Da wird geklammert und gejammert, gemotzt und geweint, wenn er mal nicht mitten drin ist. Zugucken reicht nicht. Mittendrin, am besten direkt unmittelbar im Spülbecken, wenn ich mal spülen muß. Spülmaschine ist nicht das Problem, die räumt er gerne ein. Man muß nur fertig werden, bevor die ersten Flausen im Kopf auftauchen. Spülen – nun ja, nicht so gerne, wenn ich die Küche gerade gewischt habe. Den Staubsauger will er haben, das Messer zum Gemüseschnippeln, den Staublappen, alles. Am besten mit direktem Körperkontakt zu Mama. Er würde sogar in die kochende Nudelbrühe hüpfen, wenn ich es zulassen würde, denn da wäre er mitten im Geschehen. Daß die Nudeln dadurch auch nicht schneller gar werden, ist ihm noch nicht so ganz klar, trotz 20.000 Mal Erklärens.
Paßt es ihm gerade nicht, daß ich haushaltsmäßig tätig bin, werden andere Mittel aufgefahren. Da wird erst mal an Mamas Fingern gezogen. NAIN!! Da, Autos. versucht er mich zu locken. Dann wird geschoben. Gehe ich immer noch nicht in die gewünschte Richtung, wird gezerrt, geschoben, gebrüllt und gekreischt. Es ist reichlich penetrant, das Ganze. Meist gebe ich entweder auf oder lenke ihn ab, wenn noch was zu tun ist. Ach ja und bin ich dann bei seinen Autos etc., dann darf ich nicht mitspielen. Es sind ja SEINE Autos.
Das klingt jetzt so, als würde ich nichts mit Ben machen, sondern nur im Haushalt wuseln. Tatsächlich ist es so, daß Haushaltsarbeiten, wenn ich nicht will, daß wir hier auf einer Müllhalde leben, durch dieses Geklammere extrem in die Länge gezogen werden. Ich kann ja verstehen, daß er mit Mama lieber spielen will und so, aber manchmal geht es halt nicht.
Das hört sich alles ganz furchtbar witzig an, ist aber wahnsinig anstrengend. Das geht nämlich den ganzen Tag. Er klebt den ganzen Tag an mir, ohne Pause. Schlafen will er mittags nicht mehr; es gibt wirklich keine fünf Minuten, die er mal ganz ruhig spielt und ich mir mein Käffchen trinke. Ben war schon immer sehr einnehmend, aber das toppt mal wieder alles. Selbst auf dem Spielplatz muß ich direkt daneben stehen und am besten Händchen halten.
Das Problem ist, daß er diese Aufmerksamkeit braucht. Sehr sehr braucht. In dem ganzen Alltagsstreß mache ich mir das oft gar nicht bewußt: da muß nach dem Frühstück die Küche wieder auf Vordermann gebracht werden, das Mittagessen muß vorbereitet werden, es gibt Besorgungen, Erledigungen, dieses, jenes, welches. Man will ja auch nicht, daß es wie ein Sauhaufen aussieht, also wird das Nötigste an Haushaltsarbeit gemacht. Ich will ja auch nicht erst abends um zehn anfangen, wenn Mössjöh endlich am Schlafen ist. Dabei geht unter, daß Ben keinen Bock auf feste Spielzeiten hat, die „mal eben“ eingeschoben werden zwischen Staubsaugen und Wäsche aufhängen. Er will Mama mit Haut und Haaren, 100% und mehr. Mehr als noch vor drei Wochen. Schleichend ist das eingetreten, daher kamen mir die letzten zwei Wochen so anstrengend vor. Und ich muß mir wieder bewußt machen, daß er das momentan braucht, daß eben alles andere liegen bleiben muß. Nicht alles natürlich.
Mir ist auch aufgefallen, daß daher diese verd****te Kneiferei kommt. Auf dem Spielplatz heute. Er hätte mich ja am liebsten direkt dabei gehabt, auf der Rutsche. Oder zumindest daneben. Ich saß am Rande, ein kleines Päuschen soll mir gegönnt sein. Und prompt hat sich Ben in den Haaren eines anderen Kindes eingewühlt. Feste zupackend und grinsend, bis ich endlich komme und das arme Kind befreie.
Ich schimpfe ja nicht mal, ich befreie das Kind, sage Ben nur Blablabla AUA, sag Sorry! Was Ben auch macht. Wenn das andere Kind weint, ist er sogar betroffen. (Merkwürdig fand ich die Kleine, in deren Haare er sich verkrallt hat, die nicht mal eine Miene verzogen hat.) Worum es ihm eigentlich geht bei dieser Aktion ist mir klar geworden, als ich zum dritten Mal ein Kind befreien mußte: da bin ich da, danach bleibe ich erst mal. MAMAs Anwesenheit. Nicht das Kommunikations-Barriere-Ding mit dem anderen Kind, nein: MAMA soll da sein! Darum geht es. Gleiches gilt, wenn Ben mich oder Papa kneift: meist ist das, wenn ich mich recht erinnere, entweder aus Übermut, aus Müdigkeit oder wenn ich mich fertig mache, mich wieder zurückzuziehen.
Aufmerksamkeit, Anwesenheit, Mama mit Haut und Haaren, Sicherheit, Beruhigung, ein Hafen. Da mir das jetzt bewußt ist, heute kam quasi das AHA!- Erlebnis, werden die nächsten Wochen wohl seeehr anstrengend, bis diese Phase wieder vorüber ist.
Jesper Juuls Das kompetente Kind ist, meiner bescheidenen Ansicht nach, wirklich lesenswert, eines der wenigen Erziehungsbücher, die ich guten Gewissens beherzigen kann (und zur Verfügung habe
) Ich lese es zum zweiten Mal und inzwischen kann ich auch mehr damit anfangen, da Ben größer ist.
Ich nehme es momentan weniger als Ratgeber, als vielmehr als Gelegenheit, mein eigenes Verhalten mal wieder zu reflektieren. Über einige Sachen zu lesen, darüber zu lesen, was das für Folgen haben kann, wie sehr das ausarten kann und über welche Mechanismen einige Verhaltensweisen gesteuert werden, kann hilfreich sein, um ein wenig Abstand vom Alltags-Ich zu bekommen, das man normalerweise nicht mehr sieht; das Alltags-Ich geht unter im Alltagsblabla, man ist eben so, es schleichen sich Routinen ein, über die man nicht mehr nachdenkt – einige gut, andere weniger gut.
Bei mir hat sich zum Beispiel ein wenig zu sehr dieses Gemotze über das Efeuverhalten eingeschlichen – ich bin meist genervt, gestreßt und zu sehr auf anderes bedacht, statt zu hinterfragen und Ben das zu geben, was er gerade braucht. Ich nehme auch an, daß dieses extrem Klammerige nachlassen wird, wenn ich mir die Zeit nehme, ihm die Zeit zu geben. Och, das klingt jetzt verschwurbelt, ich weiß. Ich nehme an, daß er gerade in einer unsicheren Phase steckt, in der er mehr Bestätigung, mehr Halt braucht.
Daher bin ich sehr froh, daß ich mir gerade jetzt dieses Buch zur Hand genommen habe. Und es ist gut, daß ich das in Worte gefaßt habe, dadurch wird mir das eher bewußt.
So, Ziel des Monats: Ben mehr Zeit widmen. Quality-Time wohlgemerkt! Weil MEHR an Quantität geht physikalisch nicht, der Tag hat einfach nur 24 Stunden.







