Gespeichert unter: Blöd & Zugenäht
Ich gebe auf. Meine Arbeit wird nie fertig. Nicht, wenn ich nicht wenigstens ein Minimum an Unterstützung bekomme. Selbst, wenn es nur noch ein Kapitel ist.
Der ganze Inhalt ist Mist, weil ich nicht mehr zusammenhängend schreiben und arbeiten kann. Durch die vielen Unterbrechungen habe ich den roten Faden verloren. Ich kann mich nicht mehr motivieren. Ich kann nicht mehr. Ich kann wirklich nicht mehr.
Diese ganze Sache hängt mir wie ein Klotz im Magen, ständig schlechtes Gewissen, weil ich aus diesem und jenem Grunde nicht daran arbeite. Ich kann nicht mehr entspannen. Ich kann mich nicht mehr motivieren. Montags und freitags sitze ich hier, bin hin- und hergerissen. Wohnung aufräumen, Rennerei für dieses, jenes, welches und habe im Endeffekt noch drei, vier Stunden für die Arbeit, von denen ich mich zwei Stunden reinlesen muß, bevor ich mich wieder ans Kochen machen kann. Dabei ist es schon schwierig genug, hier zu sein, weit entfernt, ohne Möglichkeit zur Vor-Ort-Recherche. Den Prof interessiert es nicht, es ist keiner da, mit dem man darüber reden kann, keiner, der mal den Kleinen übernimmt. Wenn dann hier vor Ort auch nicht mitgespielt wird…
Und ach ja, noch eines: auch mit viel Konzentration kann dieses faule Stück, das hier gerade vor dem Rechner sitzt, die Arbeit nicht in drei Tagen fertig machen, um endlich “RICHTIGE”, wichtige Arbeit, bei der man Geld verdient, suchen.
Übrigens dazu: ich habe das Gefühl, nein: ich bekomme von allen Seiten das Gefühl vermittelt, daß diese Diss., an der ich seit Jahren sitze, ein reines Hobby ist. Ich hätte die schon lange fertig bekommen können, hätte ich mich nur zusammengerissen – was auch stimmt, hätte ich nicht zwischendurch dieses, ausgerechnet dieses Kind bekommen. Ein Kapitel! Was ist das schon? Das ist doch in drei Tagen geschrieben! Ich muß mich nur zusammenreißen und mich mal auf meinen Hintern setzen.
Inzwischen habe ich schon selber ein schlechtes Gewissen. Permanent schlechtes Gewissen, weil ich Gelegenheiten, die ich schreiben könnte, nicht nutze und permanent schlechtes Gewissen, weil ich endlich fertig werden sollte, damit ich mir – übrigens auch ganz alleine und es interessiert ja dann keinen, was das dumme Hausweibchen macht – bezahlte Arbeit suchen kann. Richtige Arbeit. Echte Arbeit, nicht dieses dumme Zeug, bei dem ich nur faul zu Hause sitze.
Nun gut, vielleicht sollte ich jetzt mal ein bißchen berichten, wie das aus meiner Perspektive aussieht: ich finde das unter aller Sau, daß das als Nicht- “echte” – Arbeit runtergemacht wird. Als Hobby, als Spielerei einer faulen Hausfrau, die nicht “richtig” arbeiten will. Nicht offen, aber hintenrum, wie Fragen gestellt werden, was als Kommentar kommt, das zeigt mir zu deutlich, was einige darüber denken.
Also: meine Nicht.richtige.Arbeit besteht darin, daß ich ein Thema behandle, das noch keiner behandelt hat – klar, Grundvoraussetzung bei einer Doktorarbeit. Ich hätte z.B. Karl Ferdinand Sohns Tätigkeit als Maler behandeln können: Teil meiner Magisterarbeit, ein Thema, das leicht zu recherchieren ist. Aber langweilig, daher habe ich das abgelehnt. Es gibt Dissertationen, die nur aus Aufzählungen der Werke eines Künstlers bestehen. Archivarbeit, viel davon, sicherlich, aber nicht sonderlich schwierig zu bewerkstelligen.
Ich habe ein Thema, das mich fasziniert hat: Französische Skulptur. Mein Prof hat vorgeschlagen, Baudelaire ins Spiel zu bringen, bzw. er hat gesagt, daß ich das so machen könnte. Daß mein Thema, das ich mir vorgestellt habe, zu viel wäre, hat er sich gedacht, aber nichts gesagt und trotzdem akzeptiert. Nun gut, das habe ich irgendwann auch eingesehen und so Zeit in den Wind geschlagen. Meine erste Vorlage hat er so auch nicht akzeptiert, Baudelaire wieder ins Spiel gebracht und ich habe viele Monate, die ich am Ende gebraucht hätte, um meine Arbeit fertig zu machen, sinnlos verplempert. Nicht zu reden von der Literatur, die ich gelesen habe und überhaupt nicht mehr brauchen konnte. Am Ende habe ich über 70 Seiten für den Schredder geschrieben, erneute Recherche, um mit Baudelaire fertig zu werden.
Erschwerte Bedingungen: keine Unterstüztung von meinem Prof. “Sie machen das schon” hieß es ständig. Kein Hinweis auf eventuelle Stipendien, auf die ich mich hätte bewerben können, kein Hinweis auf Forschungsprojekte, die für mein Thema hätten interessant sein können. Gar nichts. Das einzige, was kam, war ein muffeliges “Wenn Sie meinen...”, als ich gefragt habe, ob er mir Gutachten für Stipendienbewerbungen schreiben könnte.
Gerade in dem Jahr wurden die Stipendien an meiner Heimatuni gestrichen. 13 waren für die Physiker da, aber sorry, Geisteswissenschaften? Wer braucht die schon. Kein Geld. Ein Jahr zuvor hat eine Kommilitonin ihr Stipendium mit Leichtigkeit bewilligt bekommen: frustrierend, wenn man weiß, daß diese Frau nichts für ihren Lebensunterhalt machen mußte. Lebt bei Mami und Papi, bekommt Geld von denen, hat 10 Jahre für ihren Magister gebraucht, und auch noch schlechter abgeschnitten. Frust auf meiner Seite. Für einige Stipendien war ich zu spät dran, für andere war das Thema falsch, eine Stelle hat abgelehnt, nicht gut genug.
Egal, es wird halt gearbeitet. Ich schaffe das auch alleine. Und immer krampfhaft versucht, das Geld aufzubringen, um Recherchen vor Ort zu betreiben. Wenigstens ein Mal. Es hat nie geklappt.
Mein Mann, damalig Freund, ist in die Emirate versetzt worden. Nach einem sehr elenden Jahr hieß es für mich nur noch: entweder hinterher oder Schluß. Schluß kam nicht in Frage, also hinterher, was noch mal erneut erschwerte Bedingungen bedeutete: kein Anschluß ans Internet, keine Möglichkeit zur Recherche, keine Uni, kein gar nichts. Unterlagen also mitbringen. Da bin ich noch im Urlaub hin- und hergependelt, danach die Einigung, daß ich mehr oder minder ganz dableibe und nur noch ab und zu nach Deutschland fliege. Gelesen habe ich da viel.
Danach ging es noch weiter weg, Australien. Aber wenigstens eine Uni in der Nähe. Bis dahin habe ich Literatur gelesen, einen Berg von Unterlagen, zum größten Teil langweiligster Müll, manches unbrauchbar, manches nur zum Teil brauchbar, einiges davon habe ich von vorne nach hinten nach seitwärts und wieder zurück gelesen. Archiviert, zusammengefaßt, wieder gelesen. Und nochmals gelesen. 457 stehen in meiner Literaturliste. Aufsätze, dicke Bücher, kurze Artikel. Das macht man nicht eben an einem Wochenende. Die, die ich nicht brauchen konnte, weil ich zuerst auf dem falschen Dampfer war, habe ich nicht mal aufgeführt.
Irgendwann war ich dann so weit, daß ich schreiben konnte. Es gibt Leute, die lesen und schreiben gleichzeitig, ich brauche aber erst mal den Überblick. Schreiben geht nicht so, daß ich mich hinsetze und fröhlich Seite um Seite tippe. Schreiben – das bedeutet maximal 3 Seiten am Tag. An guten Tagen. An schlechten Tagen geht gar nichts. Da wird gewühlt, gesucht, geblättert, getippt, korrigiert, getippt, wieder getippt, gelöscht, gelesen, gesucht, geblättert. Im Großen und Ganzen bedeutet das, daß man vor allen Dingen den Überblick behalten muß: man muß wissen, wo man was gelesen hat und was wo stand.
Schwierig wird es aber, wenn da gar keine Unterstützung da ist: durch die Stückelung jede Woche muß ich mich immer erst ein Stück weit wieder reinlesen, um zu wissen, wie es weitergeht. Manchmal führt etwas auch in eine Sackgasse, dann muß ich von vorne anfangen. Manches vergesse ich auch.
Am Anfang, als ich noch schwanger war, habe ich ja spekuliert: nicht mehr so viel zu schreiben, Babies schlafen hauptsächlich, das schaffe ich schon, bevor der Kleine ein Jahr alt ist. Das hat man mir immer gesagt, das liest man überall.
Dumm gelaufen, gerade so ein ruhiges Baby, was ich hätte gebrauchen können, hatte ich nicht. Ich habe es versucht, immer wieder, aber mit dumpfem Kopf, der ganz leer vor Müdigkeit ist, geht nichts. Nicht das Geringste, glaub es mir! Konzentration, die ich dringend gebraucht hätte, war nicht da.
Spekuliert habe ich auch, daß Ben irgendwann mal schlafen würde. Regelmäßig. Vorzugsweise gegen 19 Uhr, dann könnte ich auch abends arbeiten. Nada. Ben schläft irgendwann ein, meist gegen 21.30 Uhr. Dann fange ich nicht mehr an.
Ich will jetzt nicht hervorheben, daß ich mich hier totarbeite, nein, das wohl nicht. Ich könnte sicherlich mehr machen, sicherlich schneller sein. Ich will nur betonen, daß es sich nicht um ein nettes kleines Hobby handelt, das ich hier mache. Da steckt viel Arbeit drin, viel Frust, auch viel Freude und viel von mir. Das so herunterzumachen, das abzuwerten, nur weil kein Geld reinkommt, mir – vielleicht interpretiere ich da auch einfach zu viel rein – zu unterstellen, daß ich hier hirnlos vor mich hintippsele und das mit ein bißchen mehr Disziplin ganz schnell eben mal gemacht ist – das hat weh getan.
Eine bezahlte Arbeit wäre für mich wesentlich befriedigender, beruhigender – weil ich nicht Tag und Nacht darüber nachdenken müßte, weil ich mich nicht selber motivieren müßte. Da gehe ich hin, ich mache meine Arbeit, werde bezahlt. Fertig.
Es wäre schön, wenn man wenigstens ein bißchen anerkennen könnte, daß ich genau so arbeite wie andere auch, nur eben ohne Bürozeiten, ohne bezahlt zu werden. Und nichts da, woraus ich irgendeine Form von Motivation ziehen könnte. Zusätzlich zum schlechten Gewissen, weil ich meinem Mann unnötig auf der Tasche liege. Ehrlich: ich bin es echt satt, ein einziges wandelndes schlechtes Gewissen auf ganzer Linie zu sein.
An dieser Stelle höre ich besser auf, das geht ab jetzt zu sehr ins Private. Ich kann letzten Endes nur sagen, daß ich zutiefst enttäuscht und frustriert bin. Ich will einfach nicht mehr alles alleine machen, “Mein Ding” durchziehen.
8 Kommentare bis jetzt
Einen Kommentar schreiben
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <pre> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>









Ohjeh! Ich muss gleich zur Arbeit und habe nur kurz reingeschaut, und nun möcht ich nicht los, ohne Dir zumindest ein paar aufmunternde Worte da zu lassen. Das ist ein doofer Spagat, in dem Du steckst, den ich auch vom ersten Jahr nach Christophs Geburt zu gut kenne. Lass Dich drücken! Heut abend schreib ich mehr, aber jetzt erst mal halt eine kleine Knuddeleinheit, die ratzfatz nach Downunder saust!
Kommentar von rosa67 Oktober 13, 2008 @ 15:44Ich kann dich so gut verstehen und deine ganzen Punkte nachvollziehen. Mir geht es genauso. Nur leider habe ich schon viel früher als vor dem letzten Kapitel kapituliert. Ich bin in die Inkunabelforschung gegangen, wollte ein völlig unbearbeitetes Werk entschlüsseln. Vom Inhalt war es dann Kunstgeschichte nur noch am Rande, weil es im Spannungsfeld zwischen Geschichte und Theologie entstanden ist. Von meinem Prof hörte ich nur “jaja, machense mal”, Fragen, ob ich tatsächlich dieses Werk in seiner Gesamtheit behandeln oder mich auf eine bestimmte Fragestellung konzentrieren solle, wurden abgetan. Aus dem Umfeld bekam ich auch keine Unterstützung, zum einen war mein Thema so speziell, zum anderen machte sich niemand einen Begriff über diese Arbeit.
Mit der Zeit ist mir dann der Idealismus und die Leidenschaft abhanden gekommen. Mir gefielen feste Arbeitszeiten und am Ende des Tages der Blick auf die sichtbar geschaffte Arbeit, mir gefiel praktische Arbeit. Der Alltag, auch noch ohne Kind, tat sein übriges, um mich vom rein wissenschaftlichen Arbeiten abzuziehen. Aber einen endgültigen Schlußstrich habe ich mich auch noch nicht getraut zu ziehen…
Hilft es dir, dir eine Deadline zu geben, wann du das letzte Kapitel fertig haben willst? Und hej, nur noch EIN Kapitel!!!!! Es wäre Blödsinn, wenn du jetzt alles hinwirfst. Du schaffst das!!! Ich schick dir ganz viel Kraft für den Endspurt!
Kommentar von GEM Oktober 14, 2008 @ 16:58Jeder, der den Spagat zwischen Kind, Haus und Dissertation als Hobby abtut, muss vollkommen verrückt sein. Ich habe mit Ende zwanzig meine Diplomarbeit gemacht und Nächte am Rechner verbracht, mich mit Selbstzweifeln gequält, mit der Einfalslosigkeit und dem Zeitmangel gerungen. Nach der DA war ich am Ende, körperlich und geistig. Wie ausgesaugt, das war die anstrengendste Zeitmeines Lebens. Und ich hatte kein Kind, nicht mal ein ruhiges, dekoratives.
Das ist Dein erstes Baby – niemand hat das Recht, Dir das zu zerreden. Ich habe tiefen Respekt vor jedem, der überhaupt bis zu einer Dissertation mit einem ernstzunehmenden Thema vordringt (ich kann nämlich nur bunte Bilder und damit eigentlich gar nichts). Und vor Dir im Besonderen.
Kommentar von Kaleema Oktober 14, 2008 @ 20:48Koennte die naechsten drei Wochen frei nehmen und Ben bemuttern. Flug geht Montag. Shall I ???
Kommentar von imli Oktober 14, 2008 @ 23:08Ach mensch, Susan. Ich umarme Dich und wüte nachträglich ein bisschen mit Dir. Weil solch ein Vorwurf, solche Vorwürfe einfach weder fair noch angebracht sind. Selbst nicht mit einem ruhigen, stillen und sich viel selbst beschäftigendem Kind. Mitnichten.
Kommentar von tonni Oktober 15, 2008 @ 03:55Ich habe auch Respekt vor dem was Du tust und drücke Dir von Herzen alle Daumen dass es eine Lösung gibt. Für mehr gutes Gewissen und Wohlergehen.
So im Ansatz kann auch ich dich sehr gut verstehen. Ich bin zwar noch lange nicht so weit, aaaber vor einiger Zeit habe ich mal den Entschluss gefasst eine Zusammenfassung all meiner Recherchen zum Thema Impfen zusammenzuschreiben. Die Zeit, die man da in Lesen, Schreiben, Recherchieren, Überlegen, Schreiben, Verwerfen, wieder Lesen, Suchen und sonst was investiert hat ist immens. Und Verzeihung, auch wenn nicht sofort ein greifbares Ergebnis rauskommen, es ist verdammt noch mal Arbeit. Waschechte, lobenswerte Arbeit.
Kommentar von agichan Oktober 15, 2008 @ 04:50Deine Arbeit verdient folglich allen Respekt und persönlich kann ich es nur zu gut verstehen, wenn dich Kommentare in die andre Richtung verletzen.
Du schaffst das schon! Und dass es länger dauert (als du oder andere es vielleicht erwartet hätten) macht das Ergebnis nicht schlechter, sondern ganz im Gegenteil: nur besser.
Einfach nur: Fühl dich gedrückt und mit ganz viel Kraft überschüttet!!
Kommentar von Simi Oktober 15, 2008 @ 05:44Danke für euren Zuspruch, das tut gut


Es geht mir auch schon wieder besser, irgendwie habe ich immer mal so Tage, wo ich das Gefühl habe, die ganze Welt ist böse und alle sind gegen mich und überhaupt…
Und das ganztägige Leiden und Heulen und Zähneknirschen völlig umsonst: man kann so was tatsächlich ganz einfach mit ein bißchen Reden mti dem Gatten hinkriegen. Ich war verblüfft
PMS nennt man das wohl…
@IMLI: nur zu, Platz ist genug da. Hach, ich vermisse dich!
Kommentar von eumelmama Oktober 16, 2008 @ 03:06Och, da fällt mir ein: geht doch gar nicht – du hast doch am Sonntag schon was vor!